Resolution verabschiedet an der Delegiertenversammlung der JUSO Schweiz vom 06.09.2026 in Basel
Das Bildungssystem als Treiber der Ungleichheit
Bildung gilt als Menschenrecht [1], doch dieses Recht bleibt rein formell. In den OECD-Ländern verfügen 20% der Erwachsenen über keinen Abschluss der Sekundarstufe II [2], und dieser Anteil ist deutlich höher in den Ländern des globalen Südens, wo der mangelnde Zugang zu Bildung direkt dazu dient, die koloniale und kapitalistische Ausbeutung zu legitimieren. In der Schweiz haben Kinder von Hochschulabsolvent*innen eine doppelt so hohe Chance, ein Hochschulstudium zu absolvieren. [3] Diese Feststellungen weisen auf eines hin: Die soziale Herkunft bestimmt den akademischen Werdegang.
Diese Ungleichheit ist kein Systemfehler, sondern einer der Triebkräfte des Systems. Das Bildungssystem trägt aktiv zur Aufrechterhaltung von Profit- und Wettbewerbslogik bei, indem es die gesellschaftliche Zustimmung schafft, die die Unterdrückung legitimiert. [4] Noten, Leistungsstufen, Prüfungen und Auswahlverfahren bilden einen Filter, der die Schüler*innen aussortiert und sie schon vor ihrem Eintritt in die Arbeitswelt daran gewöhnt, Leistungsdruck, Hierarchien und Konkurrenz als natürliche Normen anzusehen.
Die menschlichen Kosten sind enorm. Fast ein Drittel der Jugendlichen in der Schweiz ist im Alltag starkem Stress ausgesetzt [5]. Ein Drittel der 11- bis 15-Jährigen gibt an, aufgrund des Leistungsdrucks und der Arbeitsbelastung durch die Schularbeit gestresst zu sein [6]. 45 % der befragten Jugendlichen schätzen ihre eigene psychische Gesundheit als schlecht ein [7].
Die Schule reproduziert und verstärkt alle Herrschaftsverhältnisse. Die gemeldeten rassistischen Vorfälle an Schweizer Schulen haben deutlich zugenommen [8]. Eine unterschiedliche Behandlung je nach Geschlecht, Klasse und Herkunft ist an der Tagesordnung. Behinderte Menschen werden strukturell ausgeschlossen, während die inklusive Schule von den bürgerlichen Parteien unter dem Vorwand der Kosten angegriffen wird.
Diese Probleme lassen sich im Kapitalismus nicht lösen. Weder «Chancengleichheit» noch ein paar zusätzliche Mittel noch ein erweiterter Zugang reichen aus: Die grundsätzliche Funktionsweise der Bildung muss neu überdacht werden.
Die Alternative zum aktuellen Bildungssystem
Wir lehnen es ab, Bildung als einen rein individuellen Prozess und nur als Vorstufe zur Integration in die Arbeitswelt zu sehen. Bildung ist das Fundament einer Gesellschaft: Ein sozialistisches Bildungssystem muss darauf abzielen, die ganze Gesellschaft zu emanzipieren, nicht nur die Einzelperson.
Eine Gesellschaft, die in allen Bereichen demokratisiert ist, auch in der Produktion, setzt eine gemeinsame Wissensgrundlage voraus. Gemeinsame Entscheidungen über komplexe Systeme zu treffen, erfordert eine gemeinsame Grundbildung sowie einen permanenten, kostenlosen und barrierefreien Zugang zu Lernressourcen.
Bildungseinrichtungen müssen demokratisch funktionieren, wie der Rest der Gesellschaft. Entscheidungen werden dann in Absprache zwischen Lernenden, Lehrenden, Personal und Vertreter*innen der Gemeinschaft getroffen. Sie müssen in den Quartieren verankert sein, nah an den Lebensräumen liegen, über die Schüler*innen hinaus für alle offen sein und über grosse Bibliotheken verfügen.
Ein gemeinsamer Lehrplan muss allen das Wissen garantieren, das für die Teilhabe an der Gesellschaft notwendig ist. Darüber hinaus muss die Bildung ein Leben lang zugänglich bleiben. Dieses Ziel steht im Gegensatz zum neoliberalen «Lifelong Learning», das die Arbeitnehmenden zu ständiger Umschulung zwingt und die Weiterbildung (CAS, MAS, DAS) auf für das Management nützliche Kompetenzen beschränkt. Die Arbeitszeitverkürzung soll Zeit für diese Weiterbildung freigeben.
Zum Schluss müssen die Inhalte der Emanzipation dienen: gelebte und nicht nur gelehrte Demokratie, kritisches Denken und eine dialektisch-materialistische Analyse der sozialen Verhältnisse, soziale Erziehung zu Solidarität und kollektiver Entscheidungsfindung, Beherrschung wissenschaftlicher Methoden und der Erkenntnistheorie sowie der Erwerb handwerklicher und kreativer Fähigkeiten.
Die Jungsozialist*innen Schweiz fordern daher:
1. Die Demokratisierung aller Bildungseinrichtungen: Räte, in denen Schüler*innen, Studierende, Lehrkräfte und Personal vertreten sind und die über ein beschlussfassendes – und kein rein beratendes – Mitspracherecht bei Reglementen, Lehrplänen und Budgets verfügen.
2. Eine vollständig kostenlose Aus- und Weiterbildung, einschliesslich Kursgebühren, Material, Transport und Verpflegung.
3. Die Einführung eines Lernendenlohns, der das Studium als Tätigkeit von gesellschaftlichem Nutzen und nicht als individuelle Investition anerkennt.
4. Das Ende der frühen Auswahl in der Schule: Abschaffung der Einteilung in getrennte Bildungszweige vor Ablauf der obligatorischen Schulzeit und Reduktion der selektiven Rolle der Noten zugunsten formativer Bewertungsformen.
5. Echte Mittel für die psychische Gesundheit: Reduktion der schulischen Arbeitsbelastung und kostenloser, vertraulicher und unverzüglicher Zugang zu psychosozialer Begleitung in jeder Schule.
6. Freier Zugang zu Wissen: kostenlose und gut ausgestattete öffentliche Bibliotheken, Lehrmaterialien unter freier Lizenz, öffentlich finanzierte wissenschaftliche Publikationen mit offenem Zugang sowie die Öffnung von Schulgebäuden für die Öffentlichkeit ausserhalb der Unterrichtszeiten.
Quellen:
[1] : Art. 26, Déclaration universelle des droits de l'homme, 1948.
[2] : OCDE (2024), Bildung auf einen Blick 2024 : OECD-Indikatoren, wbv Media, Bielefeld, p. 53 (personnes de 25 à 65 ans dans les pays de l'OCDE).
[3] : TREE (2016), Documentation on the first TREE cohort (TREE1), 2000–2016, Berne : TREE.
[4] : María do Mar Castro Varela, Hegemonie bilden – Pädagogische Anschlüsse an Antonio Gramsci, p. 21–22.
[5] : Pro Juventute, Stress-Studie 2021, p. 4.
[6] : N. Balsiger, M. Delgrande Jordan & V. Schmidhauser, Gesundheit und Wohlbefinden bei Jugendlichen, Addiction Suisse, octobre 2023.
[7] : Y. Barrense-Dias, L. Chok, J.-C. Surís, A picture of the mental health of adolescents in Switzerland and Liechtenstein, Unisanté, Lausanne, 2021 (Raisons de santé 323).
[8] : SRF, « Immer mehr rassistische Vorfälle an Schulen gemeldet », srf.ch/news/schweiz.