Resolution verabschiedet an der Delegiertenversammlung der JUSO Schweiz vom 06.09.2026 in Basel
Auf der ganzen Welt sind Social-Media-Verbote für Jugendliche gerade der neuste Versuch, effektive Plattformregulierung zu umgehen. Im Dezember 2025 hat Australien als erstes Land per Gesetz ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt. Seither ziehen immer mehr Länder in Europa mit Verboten für Jugendliche nach: Frankreich und Österreich haben bereits Gesetze beschlossen, Norwegen und Spanien sind auf dem Weg dahin. In der Schweiz wird heftig über ähnliche Bestrebungen diskutiert, der Bundesrat will bis 2027 ein Verbot für unter 16-Jährige prüfen. Für die EU soll bis im Herbst 2026 ein Gesetzesvorschlag vorliegen, dieser würde ein Social-Media-Verbot bis zum 13. Lebensjahr beinhalten. Dabei werden nicht nur die Forschung und die bisherigen Misserfolge solcher Verbote ausgeblendet, sondern vor allem auch das eigentliche Problem: Big Tech und ihre unkontrollierten Plattformen. Die JUSO Schweiz stellt sich darum entschieden gegen Social-Media-Verbote aller Art und plädiert für eine effiziente Regulierung von Big Tech.
Das Problem heisst Big Tech, nicht Social Media
Grundlage für die Debatte bieten verschiedene Einschätzungen rund um die Gefährlichkeit von Social Media. Das Problem liegt jedoch weder bei den jungen User*innen noch in der reinen Existenz von Social-Media-Plattformen, sondern in ihrer heutigen Funktionsweise und ihrem Nutzen. Von den Plattformen werden intransparente Algorithmen eingesetzt, die zu einer klaren Bevorzugung von gewissen, meist problematischen Inhalten führen.
Social-Media-Plattformen sind dabei ein Instrument des Neoliberalismus, um einen ständigen Selbstoptimierungszwang zu vermitteln. Das vermittelte Bild ist klar: Du kannst und musst alles schaffen, und dafür musst du genügend hart arbeiten und trainieren. Dieser permanente Fokus auf das Individuum verhindert das Denken und Agieren in Kollektiven. Für die Reichen und Mächtigen ist es essenziell, dass sich die Menschen nicht verbünden und als Teil einer Arbeiter*innenklasse sehen. Egoismus und Spaltung ist ein essenzieller Teil ihres Rezepts für den Machterhalt.
Das gilt nicht nur im kapitalistischen, sondern auch im patriarchalen Sinne. Es ist kein Zufall, dass immer mehr junge Männer ein konservatives, toxisches Männlichkeitsbild entwickeln. Es braucht nur wenige Minuten Tiktok-Nutzung, bis ein junger User zuerst mit Fitness- und andere Selbstoptimierungscontent und dann sofort mit Inhalten aus der Manosphere konfrontiert wird. [1] Antifeminismus gilt als Einstiegsdroge für rechtsextreme und faschistoide Ideologien.
Grosse Plattformen wie Instagram, Facebook und Snapchat gehören reichen, weissen Männern. Diese Tech Bros wollen nichts Geringeres als die Kontrolle über die (digitale) Welt und die Aufrechterhaltung der kapitalistischen, männlichen, weissen Vorherrschaft. Ein Social-Media-Verbot würde daran rein gar nichts ändern, sondern die Konsequenzen für die Machenschaften der Tech-Milliardäre auf Kinder und Jugendliche abwälzen.
Ein Verbot schafft keine Lösungen, sondern neue Probleme
Selbst wenn es nur um den vermeintlichen Schutz von jungen Menschen gehen würde: In Australien hat sich gezeigt, wie ineffizient ein Social-Media-Verbot für Jugendliche ist. Mehr als 85% sind auch nach dem Verbot noch auf den Plattformen präsent. [2] Die Kontrollen sind lückenhaft und können mit einfachen Mitteln wie VPN umgangen werden. Darüber hinaus führen solche Verbote zu weitreichenden Problemen, vor allem im Bereich der Datensicherheit. Um das Alter von Nutzer*innen zu kontrollieren, braucht es Identitätsverifikationen durch die Plattformanbieter*innen. Meta und Co. könnten also flächendeckend offizielle Ausweisdokumente und Angaben zur Prüfung verlangen. Bereits heute wird jede Information, die ein Plattformunternehmen von uns in Erfahrung bringen kann, für personalisierte Werbung ausgewertet und oft auch an Drittunternehmen weiterverkauft. Offizielle Dokumente wären da ein Volltreffer: Nicht nur aus Marketingperspektive, sondern auch für Kriminelle und für den Überwachungsstaat. Persönliche Daten können so ganz einfach an Geheimdienste aus aller Welt fliessen. Dies führt ganz einfach dazu, dass sich gewisse Gruppen (unabhängig des Alters) im digitalen Raum nicht mehr äussern können. Für politische Aktivist*innen, Regimekritiker*innen, Mitglieder vulnerabler und/oder verfolgter Gruppen ist der Wegfall von Anonymität im Netz besonders einschneidend. Das Gleiche gilt für Menschen ohne offizielle Ausweisdokumente, also beispielsweise Sans-Papiers. Der digitale Raum würde folglich zu einer exklusiven Sphäre verkommen. Der Zugang zu politischen und öffentlichen Debatten wird kritischen Stimmen und Menschen mit keinem oder dem „falschen“ Ausweis indirekt sowie allen unter einer bestimmten Altersgrenze direkt verweigert. Dies entspricht mitnichten unserer Vorstellung einer offenen und freien Gesellschaft. Soziale Medien sind für junge Menschen Orte der Diskussion, Informationsbeschaffung, Vernetzung und vieles mehr. Gerade Angehörige von Minderheiten, beispielsweise queere, rassifizierte oder behinderte Jugendliche sind auf die digitalen Austauschräume angewiesen.
Social-Media-Verbote schränken nicht nur junge Menschen bei der Teilhabe am öffentlichen Leben und gesellschaftlichen Debatten ein, sondern schaffen ein riesiges Überwachungsnetz, dessen Aufbau bereits begonnen hat. Der Meta-Konzern führt eine milliardenschwere Lobbykampagne, dass Betriebssystemanbieter, wie Apple, Google, Microsoft und Co. für die Altersverifikation zuständig sein sollten. In Grossbritannien müssen sich Apple-Nutzer*innen neuerdings verifizieren: Mit offiziellem Ausweisdokument oder Kreditkarte. Passiert dies nicht, werden User*innen als minderjährig kategorisiert und können dann beispielsweise nach Einführung des geplanten Verbots für unter 16-Jährige keine sozialen Medien mehr nutzen. Die EU und auch die Schweiz hingegen wollen eigentlich mit der Einrichtung von E-IDs bewirken, dass die Plattformkonzerne, die sich vorher registrieren müssen, nur gezielte Informationen, wie beispielsweise das Alter der Nutzer*innen, abrufen können. Doch die entsprechenden Programme sind schlichtweg noch nicht vorhanden und werden die Entwicklungen kaum mehr aufhalten. Instagram, Facebook und die weiteren Plattformkonzerne werden den Weg des geringsten Widerstandes gehen und ihre Daten bei Google und Co. einkaufen. [3]
Big Tech und ihre Plattformen haben längst Überhand gewonnen und es ist höchste Zeit, deren Macht zu brechen. Seit Jahren lassen wir die Tech-Milliardäre ungestört gewähren. Damit setzten wir unsere Freiheit und Sicherheit aufs Spiel und nehmen gesellschaftliche Spaltung in Kauf. Social-Media-Verbote wirken dem nicht entgegen, sondern stärken dieses System ungemein.
Soziale Medien im Dienste der Gesellschaft
Social-Media-Plattformen sollen unsere Gesellschaft nicht zerstören, sondern näher zusammenbringen. Plattformen und Programme dürfen nicht mehr so aufgebaut werden, dass eine möglichst lange Konsumzeit erwirkt werden kann, ebenso muss die gezielte Einflussnahme auf Meinung und Konsumverhalten verhindert werden. Dafür braucht es:
- Die Offenlegung aller Algorithmen und Programmdaten für Forschung und Zivilgesellschaft
- Ein Verbot von schädlichen Algorithmen, stattdessen müssen Inhalte auf Social-Media-Plattformen chronologisch und durch abonnierte Accounts angezeigt werden
- Die Entfernung und Untersagung von Like- und Streak-Funktionen
- Ein Verbot jeglicher Art von offensichtlicher und versteckter Werbung für Nutzer*innen, Plattformkonzerne und Drittunternehmen
- Eine Deklarierungspflicht für verändertes Bildmaterial und die Richtigstellung von Falschinformationen durch die Plattformen selbst
Echter Schutz heisst Plattformregulierung
Heute sind wir den Tech-Konzernen schutzlos ausgeliefert – unsere (digitale) Integrität wird damit nicht im Ansatz gewahrt. Das neue Gesetz für Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen ändert daran wenig bis nichts, vor allem nach der Verwässerung durch Bundesrat Rösti.[4] Der Bundesrat duckt sich vor den Tech-Bro-Milliardären, statt die Interessen der Bevölkerung durchzusetzen. Wir fordern nach dem Gesetzentwurf eine 180°-Wende im Parlament.
- Plattformkonzerne, wie Meta oder TikTok, sollen in Zukunft gegen diskriminierende und anderweitig strafbare Inhalte ihrer Nutzer*innen unaufgefordert und präventiv vorgehen, weil sie automatisch für diese haften
- Keinerlei Nutzer*innendaten dürfen gespeichert, verwendet und weiterverkauft werden
- Ein Verbot jeglicher Ausweispflicht auf Social-Media-Plattformen und für ähnliche Applikationen
- Die sofortige Unterbindung von gezielten Desinformationskampagnen
Falls sich die Konzerne nicht an die Regeln halten, sollen Konsequenzen von Bussgeldern, über Haftstrafen für die Konzernchefs bis zum (zeitweisen) Marktausschluss einer Plattform reichen.
Von Big Tech zu Plattformsozialismus
Solange Big Tech existiert, ist keine freie Gesellschaft möglich. Plattformen, wie die Twitter-Alternative Mastodon, zeigen, dass Plattformsozialismus bereits heute möglich ist. Auch die grossen Firmen müssen auseinandergenommen und kollektiviert werden. Social-Media-Plattformen sollen endlich im Dienste der Menschheit genutzt und zu Orten des echten Austauschs und Organizing werden. Dafür gehört ihre Verwaltung in kollektive Hand, unter den bestmöglichen Datenschutzbestimmungen für ihre Nutzer*innen. Das bedeutet auch, dass auch Staaten keinerlei Zugang zu Informationen erhalten dürfen.
Es ist an der Zeit, dass wir die digitalen Errungenschaften in den Dienst der Massen stellen und sie nicht weiter als Profitmaschinerie der Reichen verkommen lassen.
[1]: https://www.srf.ch/sendungen/school/gesellschaft-ethik-religion/frauenhass-und-gewaltaufrufe-junge-maenner-im-sog-der-manosphere
[2]: https://www.srf.ch/news/gesellschaft/unzureichende-alterskontrollen-australiens-social-media-verbot-zeigt-kaum-wirkung
[3]: https://www.republik.ch/2026/04/10/ctrl-warum-das-social-media-verbot-fuer-teenager-zum-albtraum-wird
[4]: https://www.republik.ch/2026/01/20/wie-bundesrat-roesti-das-neue-plattformgesetz-verwaesserte